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DIE ZEIT berichtet über „Das geschwächte Geschlecht“

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT berichten Elisabeth Raether und Tanja Stelzer über die „Not am Mann“.
(Update: inzwischen ist der Artikel online verfügbar)
Ausgerechnet zwei Frauen schreiben über das Männerthema – kann das gut gehen? Warum lässt man männliche Journalisten nicht dieses Feld bearbeiten?

Vorab: das Dossier in der aktuellen ZEIT bringt viele Fakten, ist sehr gut, zieht aber wenige notwendige Schlüsse, und endet mit einem grandiosen Fauxpas. Ganz vergessen werden im Artikel die Ungerechtigkeiten,  mit denen Männer vor dem Gesetz zu kämpfen haben.

Zunächst erschlagen uns die Autorinnen mit einer großen Menge an Fakten. Das ist vielleicht sogar nötig für all die Menschen, die bisher immer noch dachten, dass es „Männer ja eh besser haben“. Damit ist nach den ersten eineinhalb Seiten aufgeräumt. Und zwar gründlich aufgeräumt.

Denn wen die Tatsache kalt lässt, dass bereits 12-jährige Jungen eine drei Mal höhere Selbstmordrate haben als gleichaltrige Mädchen, dem ist nicht zu helfen.
Die meisten Gewaltopfer sind Männer (zwei von dreien), die meisten Obdachlosen (drei von vier), Männer sind in ein enges Rollenkorsett gezwungen, wenigstens so lange sie nicht schwul sind.

Mit dem Willen zum Aufbrechen der „klassischen“ Rollen für die Männer ist es laut den Autorinnen sogar bei Frauen noch deutlich schlechter gestellt als bei Männern.

Das Rollenmodell »Sie arbeitet, er bleibt zu Hause« ist nur für wenige akzeptabel – am wenigsten für Frauen: Männer halten es zu 13 Prozent für vorstellbar, Frauen nur zu neun Prozent, wie eine Allensbach-Studie kürzlich zeigte. Nur wenige Frauen binden sich an einen Mann, der einen geringeren Bildungsgrad hat, ihr also womöglich keine finanzielle Sicherheit bieten kann. Während Männer mit einem höheren Bildungsabschluss zu 30 Prozent »nach unten« heiraten, tun das nur neun Prozent der Frauen.

Konsequenzen zieht der Artikel daraus leider nicht. Obwohl es nötig wäre: Gleichberechtigung und neue Rollenmodelle für Männer scheitern nämlich offenbar noch stärker an Frauen als an Männern. Es schadet nicht, das zu thematisieren. Wollen Frauen den „neuen Mann“? Die meisten wollen ihn nicht.

Selbst moderne, emanzipierte Frauen reagieren manchmal verschreckt, wenn ihr Mann wirklich einmal Schwäche zeigt. Therapeuten berichten, dass Frauen erst von ihrem Mann einfordern, Gefühle zu zeigen – und ihn genau dann verlassen, wenn er negative Gefühle, beispielsweise Depressionen, eingesteht. So haben diese Frauen sich das mit der Partnerschaft auf Augenhöhe dann nämlich doch nicht vorgestellt.

Männer sollen in den Augen von Frauen Gefühle zeigen – aber bitte nicht zu viel. Ist „Partnerschaft auf Augenhöhe“  also nur drin, so lange Männer tapfer aufrecht stehen und  erfolgreich sind?

Trotzdem geht der Artikel die typisch männlichen Probleme direkt an:

Viele der spezifisch männlichen Probleme werden gar nicht als männliche Probleme wahrgenommen, sondern als allgemein soziale: Obdachlosigkeit, Suizid, Burn-out, Gewalt, Schulversagen, Alkoholabhängigkeit. Die alten Vorstellungen von Mann und Frau haben sich in die Gegenwart gerettet, und sie besagen: Die Frau ist passiv, sie wurde erst unterdrückt, dann befreit und schließlich gefördert; der Mann aber gilt als aktiv. Er ist für sein Glück und Unglück selbst verantwortlich.
(…)
Die übliche Deutung dieser Ungleichheit [bei Schülern] lautet: Selbst schuld, diese Halbstarken. Ein junger Mann braucht unser Mitleid nicht.

Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Das Vorurteil, Männer bräuchten Hilfe nicht – oder schlimmer – sie hätten sie nicht verdient ist kein Relikt das die Gesellschaft hinter sich gelassen hat.
Nein, es ist ein gelebtes, ein aktuelles Vorurteil, an dem noch immer viele  Männer zerrieben werden.

Man könnte folgende These wagen: Brächten sich viel mehr Frauen um als Männer – es gäbe Kampagnen, Forschungs- und Präventionsprogramme.
Für Jungen und Männer gibt es: nichts. Ihre spezifischen Probleme bleiben im toten Winkel der gesellschaftlichen Debatte. Weil beide Geschlechter es nicht anders wollen. In einer Zeit, in der es psychologische Hilfsangebote für aggressive Hunde gibt, werden psychische Probleme von Männern kaum ernst genommen.

Das bringt es tatsächlich auf den Punkt. Und hier zeigt sich auch der gewaltige Unterschied zur Frauenbewegung in den 70er Jahre. Denn welche moderne Frau hätte damals bestritten, dass Frauenrechte Aufholbedarf haben, und dass sich etwas tun muss?

Dass Männer eine Rechtevertretung brauchen ist eine Idee, die für die meisten Männer unerträglich ist. Sie leugnen schlicht ihre steigende Machtlosigkeit gegenüber den Verhältnissen.
Ironischerweise ist diese Vorstellung etwas, das sowohl „Machos“ als auch männliche Feministen eint.

Die Krise des Mannes wird nicht einfach nur übersehen. Die These, dass Männer Hilfe brauchen, wird schlicht bekämpft. Sie passt nicht in unser Bild von Frauen und Männern. Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist. Denn natürlich gibt es sexuelle Gewalt gegen Frauen, natürlich gibt es den Gender Pay Gap, die Geschlechterdifferenz beim Verdienst von Männern und Frauen.
Deshalb werden Autoren und Experten, die sich mit spezifisch männlichen Problemen befassen, als Revanchisten und Antifeministen angesehen. Sie werden ähnlich wahrgenommen wie die Frauen, die sich in den siebziger Jahren mit Frauenfragen beschäftigten: als Menschen mit persönlichen Problemen, Frustrierte, die mit dem anderen Geschlecht nicht zurechtkommen
und die Schuld dafür der Gesellschaft geben. Über den Soziologen Walter Hollstein, der der Politik vorwirft, sie habe das »angeblich so starke männliche Geschlecht vergessen« und »über Jahrzehnte hinweg nur Mädchen und Frauen gefördert«, stand in der FAZ mit kaum verhohlener Verachtung: »Hollstein ist von Beruf gewissermaßen Mann.«

An diesem Punkt sieht man, wie sehr die Männerrechtsbewegung noch in den Kinderschuhen steckt. Die Frauenrechtsbewegung war innerhalb eines Jahrzehnts voll da. Das ist etwas, das der Männerrechtsbewegung nicht gelingen wird, vor Allem auch deshalb weil sie so erbarmungslos und hartnäckig bekämpft wird.

Und anders als die Frauenbewegung der 70er kann eine moderne Männerbewegung wohl keine breite Hilfe vom anderen Geschlecht erwarten.

Obwohl die Autorinnen den Artikel wie folgt abschließen:

Doch welche Frau sollte sich darüber freuen,
dass der Mann, den sie liebt, fünf Jahre vor ihr
stirbt, weil er ungesund gelebt hat und nicht zum
Arzt gegangen ist?
Welche Mutter sollte sich darüber freuen, dass
ihr Sohn schlechtere Noten bekommt als ihre
Tochter?
Welche Akademikerin sollte sich über all die
Statistiken freuen, die besagen, dass hoch qualifizierte
Frauen keinen Mann finden?
(…)
Wenn es eines Tages eine Männerbewegung
gibt, die Frauen können sich freuen.

Man sieht: den Autorinnen geht es am Ende doch nur wieder um die Frauen. Ob ein Männerrechtler als Autor wohl zu dem selben Schluss gekommen wäre? Ich hoffe sehr, dass wenn es eines Tages eine breite Männerrechtsbewegung gibt, es die Männer sein werden, die sich freuen können.